Freitag, 1. Juli 2011

Alltag in Indien????

Mitte Juni hat hier die Regensaison begonnen und ich habe die Kühle genossen. Habe es genossen mal nicht zu schwitzen :)
Heute ist es jedoch wieder unglaublich heiß. Die Straßen sind trocken und die Luft staubig.

Ich bin dabei eine Fortbildung für die Mitarbeiter vom Health-Team zu organisieren.
Aufgrund dessen habe ich mich heute, im Laufe des frühen Vormittags, auf dem Weg ins Krankenhaus gemacht.

Es ist mit Worten kaum zu beschreiben wie es ist durch und über indische Straßen zu laufen.
Die Sonne scheint mit all ihrer Kraft auf mich herunter und der Schweiß läuft nur so in Strömen. Schon nach kurzer Zeit klebt das T-Shirt, wie eine zweite Haut.
Der von den vielen Rollern, Motorrädern, Rikshas und Autos aufgewirbelte Staub nimmt einem ein wenig die Luft zum atmen und der Geruch von Paan begleitet mich auf meinem Weg.


Ebenso wie von neugierigen, interessierten und v.a. stierenden Blicken. Der eine oder ander versucht ein Gespräch mit mir anzufangen, doch habe ich keine Lust mich auf sie einzulassen. In Deutschland rede ich ja auch nicht mit jedem Mann der mich auf der Straße anspricht.

Ein Abschnitt der Straße ist ein öffentliches Pissuar. Dem entsrpechend kommt mir der Geruch von Urin nur so entgegen. Gemischt mit dem Geruch von dreckigem Wasser und Müll.

Kurz vor diesem Abschnitt habe ich heute einen Mann im Straßengraben liegen gesehen, der so aussah, als wäre er nicht mehr ganz bei Bewusstsein. Er hatte die Augen geschlossen und bewegte sich unkoordiniert. Ich war froh zu sehen, dass jemand bei ihm war uns sich um ihn kümmerte.
Ich fragte mich, ob ich irgendwie helfen müsste. Wusste dann aber nicht wie und setzte meinen Weg ins Krankenhaus fort.

Nachdem ich erfolgreich meine Arbeit erledigt hatte und auf dem Rückweg war, lag der Mann immer noch da.
Ohne Hilfe!
Er bewegte sich noch, aber um ihn herum schwirrten schon die Fliegen. Ich nahm ihn war und lief trotzdem weiter.
Aber irgendwie fülte ich mich verpflichtet zu helfen. Aber was tun?
Ich drehte um und lief zurück zum Krankenhaus. Wenn ich Hilfe bekomme, dann doch am ehsten dort.
Zuerst fragte ich an der Information. Von dort wurde ich weiter in die Chefetage geleitet und von dort zum Administration Office.
(Es ist das selbe Krankenhaus in dem ich auch schon gearbeitet habe. Ich traf ein paar Schwestern auf dem Weg und es war unglaublich nett sie wieder zu treffen.)

Die Dame vom Administration Office hatte mich schon ein paar Mal gesehen und war froh, dass ich nun auch mal mit ihr sprach. Also musste ich zuerst ein paar Fragen über mich und meine Arbeit beantworten.
Sie hörte sich mein Anliegen an. Wirllich interessiert schien sie aber nicht
Ich wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gäbe diesem Menschen zu helfen. Ich wisse nicht was er habe, aber gesund sah er nicht aus.
Sie meinte direkt helfen könne sie nun auch nicht, aber ich könnte ja eventuell die Polizei anrufen. Ich war skeptisch, ob die Polizei mir wirklich helfen kann.
Desweiteren sagt sie, dass der man ja wahrscheinlich auch nicht mehr zurechnungs fähig wäre und wir ihn so ja garnicht wirklich erreichen würden. (Ich weiß nicht genau, was sie mit dieser Aussage bezwecken wollte.)
Auf meinen Einwand, dass die Person vielleicht sterben würde, bekam ich keine wirkliche Antwort. Ihre letzte Äußerung dazu war, dass ihm ja vielleicht Leute aus seiner Familie oder sozialen Umkreis noch zur Hilfe kommen.

Ich war ein wenig geschockt, muss aber auch dazu sagen, dass ich mit so einer Antwort gerechnet hatte. Es liegt diesem Verhalten ein rießen großen System zugrunde, was ich nicht ändern kann.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht versucht habe die Polizei anzurufen und machte mich auf dem Heimweg.
Er lag immer noch an der selben Stelle und im ersten Moment dachte ich, dass er tot wäre. Jedoch bewegte er seine Arm ein klein wenig.
Kurz vor meinem Zuhause traf ich zwei Polizisten. Zuerst lief ich vorbei, doch dann drehte ich mich nochmal um. Diese letzte Chance muss ich noch ergreifen!
Leider verstanden sie kein Englisch und ich habe ihnen mit meinem Hindi mein Problem, bzw Anliegen nicht verständlich machen können.

Ich belies es dabei.

Ich werde nun nie erfahren, was dieser Mensch hat und was mit ihm passieren wird.
Ich frage mich, ob ich noch mehr hätte versuchen müssen. Doch kann ich ein ganzes System ändern? Es gibt in diesem Land keine Sozialhilfe und ein Menschenleben, so habe ich das Gefühl, wiegt nicht so viel auf. Es ist ja nur ein Mensch, so wie er aussah, ein Mensch von der Straße.

Alltag in Indien?

Was mit das erschreckenste für mich war, was dass es niemanden interessiert hat, was mit diesem Menschen passiert. Es sind hunderte von diesem Menschen vorbei gelaufen und gefahren. Ich habe niemanden gesehen, der ihn auch nur eines Blickes gewürdigt hat.

Aber ist dies nicht auch Alltag in Deutschland?

Wie oft sehen wir Menschen die Hilfe bedürfen und gehen doch einfach vorbei. Getrieben von den eigenen Gedanken und Plänen.
Ich habe eine Situation ganz genau vor Augen, in der ich das Gefühl hatte Helfen zu müssen und bin doch einfach weiter gegangen. Dabei ist es in Deutschland so einfach. Ich kann die Polizei anrufen und vor allem kann ich die Sprache und kann mich verständigen.
Ich hatte in diesem Moment die Hoffnung, dass sich Andere kümmern werden. Aber wenn wir alle diesen Gedanken haben, wer hilft dann??

Hier in diesem Land, in diesem Moment habe ich es versucht und bin gescheitert.
Und trotzdem bleibt die Frage: "Hätte ich nicht mehr machen können und müssen?" Habe ich wirklich alles gegeben, oder nur so viel, dass es für mich nicht zu anstregend und zu viel wurde??



17.30 Uhr
Ich habe gerade einen Anruf von Frederik erhalten, dass der Mann immer noch dort liegt. Sein ganzen Gesicht ist mit Fliegen überseht. Frederik meint, dass der Mann nicht mehr lebt!
Ich bin gerade völlig fertig! Irgendwie war es mir ja klar, aber es dann doch so zu erleben ist grausam! Ich fange bei dem Gedanken an zu zittern und bin so voller Gedanken und Emotionen, dass ich mich fast schon wieder gefühlskalt fühle.
Es ist einfach nur krass!!
Hätte ich diesen Menschen retten könnnen??? Was ist das nur für ein System, in dem ein Menschenleben so wenig wert ist???
Es ist schrecklich!!!

Eigentlich wollte ich noch ein paar Bilder mit hochladen, aber ich fühle mich gerade nicht nach Farben und den schönen alltäglichen Dingen. Es ist gerade alles schwarz-weiß!

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